Monatsarchiv für November 2016

 
 

Die Möglichkeiten des Genres visuell ausloten

von Kerstin Stutterheim

 

Der Dokumentarfilm, wie er tradiert ist, lebt von visuellem Erzählen, von gut gefilmten Beobachtungen, genauen Blicken, von den Bildern, von der Montage, dem Rhythmus.

Das Genre Dokumentarfilm entstand im Umfeld künstlerischer Experimente und Welterkundungen. Die Filmemacher der 1920er Jahre waren inspiriert von den Werken der Malerei der Neuen Sachlichkeit und der Fotographie im Stil des Neuen Sehens. Ästhetik und Filmsprache dokumentarischer Filme haben ihre Wurzeln in der Avantgarde, frühe Dokumentarfilme gelten bis heute als Meisterwerke des Avantgarde-Films. Dementsprechend ist das visuelle Element, die visuelle Poesie, das besondere Merkmal des Genres seit Beginn an.

„It was these films which offered the first sustained alternative grammar of construction of what had become, in Nöel Bruch’s phrase, the institutional mode of representation: instead of the economy of narrative fiction, an alternative principle of montage, what Guynn calls ‘photogenic continuity’, which from this moment on provides an aesthetic logic for the particular photogénie of the documentary.”[1]

Den Künstlern der Avantgarde entsprechend wollten und wollen die Dokumentarfilmer auf künstlerische Weise die Zuständen der Welt zeigen, von Umbrüchen, neuen Entwicklungen, dem Leben erzählen; von Menschen, Gesellschaften, der uns umgebenden Natur. Dies gilt bis heute. Auch und insbesondere der deutsche Dokumentarfilm steht in dieser Tradition – und pflegt diese, trotz der zunehmenden Einflussnahme durch die Entscheider_innen der Fernsehanstalten, die in den letzten Jahrzehnten stärker wortgeleitet und entsprechend neoliberaler Überformung der Gesellschaft[2] in Formatvorlagen operieren, die Bildebenen entweder ignorieren oder ebenfalls standardisieren. Dies erinnert an die Unterscheidung, die Rudolf Arnheim bereits in seinem 1932 erschienenen Buch Film als Kunst getroffen hat:

„Mit dem Film steht es ebenso wie mit Malerei, Musik, Literatur, Tanz: man kann die Mittel, die er bietet, benutzen, um Kunst zu machen, man braucht aber nicht. Bunte Ansichtspostkarten zum Beispiel sind nicht Kunst und wollen auch keine sein. Ein Militärmarsch, eine Magazingeschichte, ein Nacktballett ebensowenig. Und Kientopp ist nicht Film.“[3]

Einer der Regie-Kameramänner, der den deutschen Dokumentarfilm entscheidend mitgeprägt und ihm mit seiner Kunst zu visueller Kraft verholfen hat, ist Niels Bolbrinker. Er hat an der HBK in Hamburg Fotografie studiert und wurde in durch den ehemaligen Bauhäusler Alfred Ehrhardt, für den er eine Zeit als Assistent arbeitete, in die Kunst des Dokumentarfilms eingeführt. Seitdem hat Niels Bolbrinker kaum zählbar vielen Filmen unterschiedlicher Formate zu künstlerischer Ausdruckskraft verholfen. Seine aus dem Zusatzstudium an der FOF in Berlin erworbene genaue Kenntnis der fotografischen Techniken, dem Verständnis dessen, wie Licht und Material sich zueinander verhalten gepaart mit der künstlerischen Ausbildung und dem Wissen um die Avantgarde, geben seinem Talent des genauen und erzählerischen Blicks das sichere Fundament. Der genaue Blick und gleichzeitig in filmischen Sequenzen denken und filmen zu können, das zeichnet ihn aus. Und die für den Dokumentarfilm unabdingbare Fähigkeit, im Moment reagieren und ein konzentriertes, das Geschehen in einem metaphorischen oder – im Sinne Eisensteins – als ‚pars-pro-toto’ abzubilden.

So schrieb zum Beispiel Fritz Wolf über seine Bildgestaltung für Die Wäscherei, in dem er „die Tugenden des DDR-Dokumentarfilms“ wiedergespiegelt sieht: „Die Kamera schweift langsam über die ausrangierten Teile, sucht Details, zeigt geplatzte Schweißnähte, korrodierten, angefressenen Stahl, altgewordenes Material ohne Lack und Pomp. Das ist kein polemischer, eher ein wehmütiger Blick, den die Kamera da eröffnet. Das Alte geht, das Neue kommt. Überhaupt ist Niels Bolbrinker mit seiner Kamera wunderbar konkret, er achtet auf Details und nutzt die Ausdrucksmöglichkeiten der Schwarzweißfotografie. Das bietet das Thema – dunkle Räume, saubere Wäsche, weiße Arbeitskleidung usw. – natürlich auch an. Man sieht aber auch, daß sich mit Schwarzweiß eine viel dichtere, konzentrierte und plastischere Visualisierung erreichen läßt.“[4]

Schwarzweiß ist der Dokumentarfilm schon lange nicht mehr, aber die Möglichkeiten des Genres schöpft Niels Bolbrinker nachwievor in seiner Kameraarbeit aus. Sowohl als Kameramann für Kollegen, als Regie-Kamera, als auch als Kameramann für Kolleg_innen. Aus der langen Liste der Filme, an denen er mitgewirkt hat[5], reicht von den Sachgeschichten der Sendung mit der Maus über die Filme der Wendländischen Filmkooperative, wie Gorleben, der Traum von einer Sache (D 1981); Schade, dass Beton nicht brennt (D 1981, Regiekollektiv Novemberfilm), Das Capitol: Irgendwann ist Schluß (D 1992, R: Trevor Peters), ORiginal WOlfen (D 1995, mit K.Stutterheim), bis Die Frau mit den fünf Elefanten (D/Ch 2009, R. V. Yendrenko). Seit 1991 arbeitet er auch als alleiniger Regisseur – begonnen mit Das Ende des blauen Montag für das Kleine Fernsehspiel des ZDF über das Ende des Industriezeitalters. Zu nennen sind hier als Auswahl Fluten (D 2004), Die Natur vor uns (D 2008) und Die Wirklichkeit kommt (D 2014).

Die Goldberg-Bedingung steht kurz vor der Fertigstellung und der nächste große Film ist in Vorbereitung, wirkliche Künstler gehen mit 65 nicht in den Ruhestand.

 

Bibliography

 

Arnheim, R., & Prümm, K. (2002). Film als Kunst (1 ed.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Harvey, D. (2005). A brief history of neoliberalism. Oxford: Oxford University Press.

Inglehart, R. (1999). Postmodernization Erodes Respect for Authority, but Increases Support for Democracy. In P. Norris (Ed.), Critical Citzens (pp. 236-256). New York: Oxford University Press.

Wolf, F. (1993). Möglichkeiten des Genres. „Die Wäscherei“, Dokumentarfilm von Kerstin Stutterheim (ZDF, 11.5., 23.00-0.05 Uhr). epd Film, 1993.

 

[1] Chanan, 2007, S. 98

[2] vgl. (Harvey, 2005; Inglehart, 1999)

[3] (Arnheim & Prümm, 2002, p. 24)

[4] (Wolf, 1993)

[5] die Liste der Kinofilme kann hier eingesehen werden http://www.filmportal.de/person/niels-bolbrinker_ae6e98a8514b454ab697727c95c638c2

Alfreds Band und DIE NATUR VOR UNS

von Christiane Stahl, Leiterin der Alfred Ehrhardt Stiftung

 

Der erste Kontakt mit Niels war ein Telefonat um das Jahr 2004 herum, als ich dabei war, meine Dissertation über Alfred Ehrhardts fotografisches Frühwerk zu beenden. Denn der Name Niels Bolbrinker stand im Abspann des Alfred-Ehrhardt-Films Masken und Figuren, seinem letzten Film aus dem Jahr 1974, wo Niels als Assistent aufgeführt wurde. Ich wollte von ihm ein paar Details über die Persönlichkeit, aber vor allem auch die politische Orientierung von Alfred Ehrhardt erfahren, der 1984 verstorben war. Wie Alfred Ehrhardt dachte und fühlte konnte ich mir – und kann ich mir bis heute – schwer vorstellen, trotz zahlreicher Erzählungen seiner 2005 verstorbenen Frau Lotte und seines Sohnes Jens, der 2002 die Alfred Ehrhardt Stiftung gründete. Die impliziten Widersprüche einer Künstlerexistenz zwischen Autonomie und Anpassung, zwischen einer Karriere, die von den Nazis abrupt beendet wurde, aber in abgewandelter Form unter den gleichen Machthabern wieder aufgenommen wurde, sind in der Tat verwirrend und in die historischen Bedingungen eingeschrieben. Aus dem am Dessauer Bauhaus geschulten Maler und Kunstpädagogen wurde ein Fotograf und Filmemacher, der 1936 noch vermeinte, er könne die Bauhaus-Moderne gegen die Kulturbarbarei der Nazis bewahren, der sich aber spätestens seit Kriegsbeginn von der Propagandamaschinerie vereinnahmen ließ. Andererseits erschien den Britischen Alliierten nach dem Krieg der Grad seiner Anpassung so gering, dass sie ihm Unterstützung zukommen ließen und er zum Vorzeigekünstler des Wiederaufbaus avancierte. Ehrhardts Film Ad Dei Honorem mit der Passionsmusik von Bach setzte ein klares Zeichen der Sühne und wurde 1948 erfolgreich auf der Biennale von Venedig gezeigt, obwohl Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell vertreten sein durfte.

Nach Beendigung meiner Dissertation zum fotografischen Werk wollte ich mich nun auch dem Filmemacher Ehrhardt zuwenden. Ich fand in Joachim Kühn von REALFICTION und der Filmpalette Köln einen Kinobetreiber, der eine Filmretrospektive mit Ehrhardts Werken veranstalten wollte. So kam der Gedanke, einen kürzeren Film über Leben und Werk in Auftrag zu geben, der der Retrospektive voran gehen könnte, statt das Budget für die Herausgabe eines Katalogbuchs zu verwenden. Und natürlich dachte ich da sofort an Niels, der mir aus verschiedenen Gründen prädestiniert für diesen Job erschien. Nicht nur dass er Alfred Ehrhardt kannte und an der Kunsthochschule studiert hatte, an der Ehrhardt bis 1933 Dozent für Materialkunde gewesen war. Auch ist Niels wie dieser selbst Fotograf und in den meisten seiner Filme sowohl Autor, Regisseur, Kameramann als auch Cutter, womit er einen selbstverständlichen Zugang zu Alfred Ehrhardts Arbeitsweise hatte. Weiterhin brachte Niels über diese filmische Erfahrung hinaus umfassende fachliche Vorkenntnisse in die Arbeit ein. So hatte er sich schon 1994 im Film Das industrielle Gartenreich umfassend mit der Kunst am Bauhaus beschäftigt und dies in Bauhaus – Mythos der Moderne nochmals vertieft. Was ich vorher natürlich nicht wissen konnte ist, dass Niels‘ Tonmeister Manfred Herold noch Alfred Ehrhardts Frau Lotte kennen gelernt hatte, die ihm die komplette Sammlung der Tonaufnahmen ihres Mannes vermacht hatte. Die Aufnahmen lagern noch heute bei Manfred.

 

Auch dass die Sache so ausgesprochen positiv verlaufen würde war nicht vorauszusehen. Das Projekt nahm unerwartete Dimensionen an. Ich war davon ausgegangen, nur wenige Tage Arbeit damit zu haben, in der Alfred Ehrhardt Stiftung Archivmaterial herauszuholen und vor der Kamera einige Sätze über Alfred Ehrhardt beizusteuern. Stattdessen hat mich der Film DIE NATUR VOR UNS, der 2008 im Kino des Kölner Museum Ludwig Premiere feierte, zwei Jahre lang in Atem gehalten. Statt eines 15-Minüters entstand ein abendfüllender Dokumentarfilm, der von verschiedenen Förderinstitutionen unterstützt und von der Hamburger Firma FILMTANK produziert wurde. Es wurde ein Film, der weit über ein gewöhnliches Künstlerportrait hinaus geht und wahrnehmungstheoretische wie naturphilosophische Aspekte über die Betrachtung von Natur in der Kunst berücksichtigt, der aber immer vom Bild ausgeht. Im Zentrum steht die Frage, was ein Abbild vermag, wie es funktioniert und wie es rezipiert wird. Fotografie und Film, Schwarz-Weiß und Farbe gehen ineinander über, der Vergleich zwischen Ehrhardts und unserem heutigen Blick auf die Natur wird zur Reflexion über die Bedeutung von Natur. Dabei setzt Niels Ehrhardts neuromantisches Naturverständnis der 1930er Jahre in Beziehung zu unserem heutigen, durch Naturwissenschaft und Technik geprägten Blick auf eine Natur, deren Beherrschung längst gescheitert ist.

 

Für mich persönlich bot die Filmarbeit nicht nur die Gelegenheit, auf den Spuren von Alfred Ehrhardt an die Stätten seines Wirkens zu reisen, nach Island, an die Kurische Nehrung, ins Wattenmeer und ans Bauhaus Dessau. Auch die Erfahrung, mit einer solchen Intensität an diesem Film zu arbeiten, die bis weit nach Mitternacht ausgedehnten Drehs in Island und vor allem die allabendlichen, stundenlangen Gespräche bei diversen Bieren auf der Insel Neuwerk, in Köln, Dessau, München, Nidden oder in Reykjavík waren ungemein bereichernd. Denn immer wieder kamen wir zurück auf Alfred, der stets im Zentrum stand, als gebe es nichts anderes als Alfred. Wir erwogen die politischen Bedingungen ab 1933, spekulierten über Alfreds psychologische Verfasstheit nach seiner Entlassung, stellten Überlegungen zu Menschen an, die Alfred umgeben hatten, diskutierten über seine Rolle als vermeintlicher Modernebewahrer nach 1933, überlegten, wo noch man seinen verschollenen Film Urkräfte am Werk von 1938 finden könne – es ging in einem so fort. Als besonders unermüdlich erwies sich Manfred, dessen unfassbare Kenntnisse auf den entlegensten Gebieten der Naturwissenschaften und der Geschichte mich auch noch nach Monaten immer wieder verblüfften.

 

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

 

 

Die Arbeit mit Niels und Manfred an diesem Film, aber auch diese abendlichen Gesprächskonzentrate, gehören zu einer der spannendsten beruflichen Erfahrungen in meinem Leben. Sicher konnte ich hier an meine alte, durch die kunstgeschichtliche Fokussierung etwas verschüttete Liebe zum Film wieder anknüpfen und war wie verzaubert von dieser Arbeit mit bewegten Bildern, die ganz andere Dimensionen bot als die Auseinandersetzung mit der Fotografie. Aber meine Euphorie hing eindeutig auch mit der kongenialen Verbindung zwischen Sujet und Autor zusammen. Niels ist wie Alfred Ehrhardt Fotograf und er geht wie dieser vom fotografischen Standbild aus. Seine langsamen Panoramaschwenks erfassen eine Landschaft in ruhigen, eindringlichen Einstellungen, die denen von Ehrhardt in nichts nachstehen, wenn sie diese in ihrem Wirkungsgrad nicht gar übertreffen. Niels beschrieb Ehrhardt als „bedächtigen und eher in sich gekehrten, alten Herren“, aus dem jedoch beim Drehen „ein agiler, hochkonzentrierter Regisseur und Kameramann“ wurde, „der mit wenigen Mitteln Erstaunliches zustande brachte. Mit einer alten Arriflex Kamera, ein paar Objektiven, vier, fünf Stufenlinsenscheinwerfern, einigen Nitraphotlampen und Reflektoren entwickelte er eine außerordentlich hohe Kunst, durch Licht, Bewegung und Bildausschnitt aus den Dingen vor der Kamera Plastizität und Materialstruktur herauszuarbeiten. Der Stil seiner Filmfotografie hatte eine bemerkenswerte Präzision und Klarheit, etwas Zugespitztes lag in jeder Einstellung, man könnte auch sagen, es lag darin der unbedingte Wille zu einer gestalterischen Ordnung“ (im booklet zur DVD). Vielleicht hatte Niels mehr bei Alfred gelernt als ihm das selber deutlich war.

 

Schrecklich aufregend war es, vor der Kamera zu stehen. Direkt vor dem ersten Drehtag hatte sich die Trennung von meinem Ex vollzogen, ich kam mit Liebeskummer in die Alfred Ehrhardt Stiftung und musste anfangs heulen, was im Bild nicht so gut kommt, und hatte einen Fleck auf meinem Hemd, woraufhin mich Niels kurzerhand wieder nach Hause schickte zum Wäsche wechseln. Anfangs muss es für ihn die Hölle gewesen sein zu sehen, dass ich, sobald das rote Licht leuchtete, verkrampfte, meine Sätze zu lang wurden und viel zu verschachtelt sprach. Für mich jedenfalls war es eine Qual und ich vermeinte anfangs, kläglich zu versagen. Immer wieder und wieder Sätze ähnlichen Inhalts von sich zu geben, die möglichst kurz sein sollten, möglichst flüssig gesprochen sein sollten – es war grauenhaft. Aber umso überraschender dann das Ergebnis: man sieht im Film nichts von meiner Nervosität. Irgendwie hat Niels es hinbekommen, genau die Momente zu erwischen, wo es dann doch locker rüber kam. Da hatte er es mit unseren beiden Protagonistenstars deutlich einfacher, der 96-jährigen, noch vollkommen alerten Schwägerin Hilde Nielsen und dem extrem sympathischen und Deutsch radebrechenden litauischen Fotografen und Bernsteinsammler Kazimieras Mizgiris. Irgendwann, nach Monaten, hatte ich dann auch gelernt, gelassener zu agieren. Als ich nach Abschluss der Filmarbeiten begann, meine Eröffnungsreden auch mal frei zu halten, so war das ein Befreiungsschlag, den ich dieser schmerzensreichen, aber im Ergebnis heilsamen Erfahrung zu verdanken habe.

 

Niels‘ zuweilen etwas bärbeißige Art erlaubte er sich erst herauszuholen, als wir uns schon besser kannten. Manchmal tat’s weh, aber meist war ich froh, dass er direkt ist und ohne Falsch, auch wenn es mitunter zu lange dauert, bis er sagt was er denkt. Denn er kann ja auch diplomatisch sein wenn nötig. Unsere latenten Kabbeleien kulminierten in Island in einem durch seine Zähne gepressten Satz, ich solle doch bitte nicht nur da im Gras rumliegen und warten, bis ich vor die Kamera trete, sondern mitdenken und auch mal das technische Equipment schleppen helfen. Hola! Ich sah meine Rolle nicht so definiert, sonst hätte ich mich anders verhalten, war ich doch schon Reiseleiterin, Finanzverwalterin, Protagonisten- und Locationscout und die Inhalte mitbestimmende Hauptprotagonistin. Aber er hatte ja Recht. Nur: warum sagte er mir das erst nach so vielen Drehtagen? Ich hab kein Problem damit Dinge zu schleppen. Und so wurde ich dann schließlich auch noch Kabelträgerin und Filterhalterin. Danach war Ruhe in der Kiste und ging auch das Mitdenken besser.

 

Allzu gerne hätte ich unsere Folgeprojekte verwirklicht gesehen, denn unsere Zusammenarbeit war so erquickend, dass ich weiter machen wollte. Die erste Idee war, einen Film über den deutschen Darwinisten Ernst Haeckel zu drehen. Etwas filmisches Material lag schon vor, unter anderem ein Interview mit dem mittlerweile verstorbenen Direktor des Ernst Haeckel Hauses, Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach, den Niels neben Haeckels Büste gesetzt hatte und der diesem verblüffend ähnelte. Breidbach durfte sein Genie leider nicht weiter entfalten, denn auch hier war es wie mit Alfred Ehrhardt und DIE NATUR VOR UNS: das ZDF war interessiert, aber ARTE ließ verlautbaren, dass Haeckel nicht bekannt genug sei und es außerdem schon Filme über Darwin gebe. Es wurde also auch hier das Quotenrisiko gescheut und alles über einen Kamm geschert. Und dann verlief meine Idee, einen Film über Gerhard Richter zu drehen, der Alfred Ehrhardts fotografische Arbeit schätzte und zu dem ich Zugang hatte, schnell im Sande, weil Richter mir antwortete, der WDR würde bereits einen Film über ihn drehen. Dieser Film der Regisseurin Corinna Belz wurde ein durchschlagender Erfolg, auch weil er einfach aufgebaut ist und auf die Bilder vertraut. Als ich Gelegenheit hatte, mit ihr über Richter zu sprechen, wurde mir nur noch deutlicher, wie sehr ich mit meinen wahrnehmungstheoretischen und kunsthistorischen Überlegungen auf Holz gebissen hätte. Spätestens hier ließ ich die Illusion fallen, nebenberuflich Produzentin und kunsthistorische Beraterin eines Niels Bolbrinker Films werden zu wollen.

 

So bleibe ich lieber ein Fan seines Kamerastils und seiner Filmarbeit und freue mich nach Die Wirklichkeit kommt schon jetzt auf seinen nächsten Film. Auch wenn Niels dieses Jahr 65 Jahre alt wird, so wird er doch sicherlich mindestens so lange arbeiten, bis er wie Alfred „ein alter Herr“ geworden ist.